„Investoren wollen nicht alle die Welt retten“

Paul-Josef Patts Wagniskapitalfirma eCAPITAL gehört zu den ersten Adressen, wenn es um die Finanzierung nachhaltiger Technik-Start-ups geht. Doch obwohl Investoren angeblich fieberhaft nach Anlagemöglichkeiten in Greentech-Unternehmen suchen, merke er wenig davon, sagt Patt im Interview: „Wir hatten immer wieder Probleme, Anschlussfinanzierungen zu finden.“

Tagesspiegel: Herr Patt, Ihr Unternehmen eCAPITAL gehört zu den größten Wagniskapitalgebern Deutschlands, die in Start-ups im Bereich Nachhaltigkeits-Technologien investieren. Sogenannte Cleantech-Unternehmen hatten es lange Zeit ziemlich schwer, Venture-Capital zu erhalten. Kommt es jetzt mit der sich zuspitzenden Klimakrise zur Party des Jahrtausends für Investoren wie Sie?

Paul-Josef Patt: Auf der Investorenseite sehen wir auf jeden Fall einen extremen Anstieg von Risikokapital rund um Nachhaltigkeit und Cleantech.

Tagesspiegel: Wie macht sich das bei Ihnen bemerkbar?

Paul-Josef Patt: Wir sehen, dass mehr Bewegung da ist. Genug Potenzial an Cleantech-Start-ups ist jedenfalls vorhanden in Deutschland und Europa. Und der Handlungsdruck wird auch jeden Tag größer. Wenn wir jetzt nicht gewaltig in die CO2-Problematik investieren, dann haben wir als Gesellscha! schließlich bald ein viel größeres Problem, was sich ja jetzt schon zunehmend zeigt. Es hat sich auch noch etwas anderes geändert: Seit rund fünf Jahren gehört Nachhaltigkeit zu den Kaufkriterien für Kunden. Eines unserer Portfolio-Unternehmen ist beispielsweise Prolupin. Das Start-up stellt unter der Marke Luve vegane Milch aus Süßlupinen her, die in Mecklenburg-Vorpommern angebaut werden. Die Kunden kaufen diese vegane Milch, weil sie sich gegen Kuhmilch und auch gegen Soja-Produkte entschieden haben, die über lange Strecken aus anderen Kontinenten angeliefert werden müssen. Diese Bewusstseinsveränderung bei den Kunden ist heute der größte Treiber für nachhaltige Produktion – und nicht wie früher die öffentliche Förderung wie etwa in der Solarindustrie.

Tagesspiegel: Wenn wir Ihnen so zuhören, dann dürften Sie sich ja kaum mehr retten können vor zuströmendem Kapital ...

Paul-Josef Patt: Da kann ich Sie beruhigen. Davon sind wir noch weit entfernt. In Fintechs, also datengetriebene Finanzfirmen, und in Softwareunternehmen wird tatsächlich inzwischen sehr viel investiert. Auch Lifescience-Start-ups sind wegen Corona stark gefragt. Aber bei ingenieurgetriebenen Produkten und Angeboten, die sogenannte Deeptech- und Cleantech-Unternehmen
erbringen, kann von einem Boom wirklich noch nicht die Rede sein.
Dr. Paul-Josef Patt - Foto: eCAPITAL Dr. Paul-Josef Patt - Foto: eCAPITAL

„Zwar werden von vielen Kapitalanlegern große Ankündigungen gemacht. Bis dann aber mal etwas vorangeht, ist es ein langer und steiniger Weg.“

Tagesspiegel: Warum das?

Paul-Josef Patt: Es stehen jetzt einige am Start und proklamieren, sie seien große Deeptech- Investoren. Aber die dafür zur Verfügung stehenden Mittel müssen ja erst einmal vernünftig platziert werden – wir hatten auch zuletzt noch bei Deeptech- und Impact-Investments immer wieder Probleme, Anschlussfinanzierungen zu finden. Nehmen Sie unsere erfolgreichste Investition, die Firma Sonnen aus dem Allgäu mit ihren Solarstrom- Heimspeichern: Da waren vor unserem erfolgreichen Exit im Jahr 2019 insgesamt 160 Millionen Euro Eigenkapital investiert. Wir waren Lead-Investor und haben noch einen einzigen weiteren Fonds aus Deutschland gefunden, der später mitzog. 140 Millionen Euro mussten wir uns aber auf der ganzen Welt zusammensuchen. Mit Envision gelang es uns schließlich, einen chinesischen Investor für Sonnen zu begeistern. Sonst hätten wir die großen Finanzierungsrunden gar nicht stemmen können. Es war eine Riesenherausforderung, selbst bei einem so schnell wachsenden Unternehmen wie Sonnen, das globaler Marktführer im Bereich Homestorage-Systeme geworden ist.

Tagesspiegel: Da sind wir aber jetzt überrascht: Warum hat der Hype um nachhaltige Geschäftsmodelle nicht zu einem riesengroßen Zufluss an Kapital bei Ihnen geführt?

Paul-Josef Patt: Das überrascht Sie vielleicht. Wir können nur sagen: Das ist der Bericht aus der Praxis. Zwar werden von vielen Kapitalanlegern große Ankündigungen gemacht. Bis dann aber mal etwas vorangeht, ist es ein langer und steiniger Weg. Nehmen Sie unsere Beteiligung an Smart Hydro Power: Bei diesem Unternehmen betrübt es mich persönlich, dass wir es nicht geschafft haben, eine so geniale Idee im Markt zu verankern. Smart Hydro Power hat Turbinen entwickelt, die sie zum Beispiel in den Amazonas hineinhängen können – Plug & Play – und sie haben eine Stromversorgung. Sie müssen kein Kerosin mehr den Amazonas hinaufschiffen, um anschließend einen Generator anzuwerfen. Wir sind so begeistert gewesen von der Idee. Und es
waren sehr erfahrene Unternehmer dabei. Eigentlich hätten die Impact- Fonds Schlange stehen müssen. Aber wir sind von Pontius zu Pilatus gezogen und haben es nicht geschafft, genügend Kapital aufzutreiben, um diese über Jahre erprobten Strom-Turbinen in größerer Serie produzieren und in den Markt bringen zu können.
Tagesspiegel: Machen Sie solche Erfahrungen öfter?

Paul-Josef Patt: Ein anderes Beispiel mit zum Glück besserem Ausgang: Heliatek in Dresden hat eine disruptive Solar-Technologie entwickelt. Eine dünne grüne Folie mit organischen Materialien, erfunden und entwickelt von einem Team rund um Karl Leo, der 2021 den europäischen Inventor Award für sein Lebenswerk erhalten hat. Heliatek produziert diese Folien. Es gibt dafür ein neuartiges Herstellungsverfahren in einem Rolle-zu-Rolle-Vakuumprozess. Diese Folien sind nicht nur leicht, sie sind auch biegsam und können überall auf der Welt angebracht werden, auf Gebäuden, Fenstern, Türen, Autos – und auch auf Dächern von asiatischen Häusern, deren Statik klassische PV-Module nicht zulässt. Wir haben bei Heliatek kürzlich noch einmal eine größere Finanzierungsrunde angeführt, damit wir nach vielen Jahren Pilotproduktion und Erfahrung eine industrielle Fertigungslinie aufbauen können. Die Folien funktionieren übrigens in unterschiedlichen Anwendungen auf der ganzen Welt seit vielen Jahren sehr zuverlässig! Jetzt fahren wir die Serienfertigung in Dresden hoch. Sie können nicht erahnen, wie schwierig es war, dafür eine Finanzierung zu finden.

Tagesspiegel: Und? Wie schwierig?

Paul-Josef Patt: Das ist Hochtechnologie. Das versteht ​– mit Verlaub – nicht jeder. Damit fängt es schon einmal an. An deutscher Photovoltaik haben sich zudem viele Investoren die Finger verbrannt. Sobald wir das Stichwort Photovoltaik haben fallen lassen, war bei allen Investoren in den vergangenen acht Jahren die Tür zu. Zudem geht es um Hardware. Sie müssen also eine Produktion aufbauen. Das ist, ohne Übertreibung, bei Heliatek Rocket-Science! Wenn sie die dortige Produktionsanlage sehen, fallen Sie vom Stuhl. Das ist eine 600-Tonnen-Anlage, ein Riesending, da sind allein unzählige, speziell entwickelte Verdampfer drin. Wenn wir dieser Technologie zum Durchbruch verhelfen – ich kann es Ihnen noch nicht garantieren, aber es fehlt nicht mehr viel – dann hätten wir im Photovoltaik-Bereich in Deutschland etwas völlig Neues an den Start gebracht. Das werden andere so schnell nicht kopieren können. Das ist dann hoffentlich der Unterschied zur ersten Welle im PV-Bereich. Da haben wir in Deutschland fast alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte und auch unsere Industrie zu wenig geschützt. Wenn es heute darum geht, dass ein deutsches Unternehmen, das Hochtechnologie produziert, 150 Millionen Euro benötigt, dann wird die Zahl der potenziellen Investoren plötzlich sehr übersichtlich.

„Sobald wir das Stichwort Photovoltaik haben fallen lassen, war bei allen Investoren in den vergangenen acht Jahren die Tür zu.“

„Dass mehr im Bereich Nachhaltigkeit passieren muss, wissen wir alle.“

Tagesspiegel: Jetzt reden wir seit Jahren über Greentech. Versicherer, Fondsgesellscha!en – die warten doch auf Unternehmen, wo sie im großen Stil investieren können. Und jetzt erzählen Sie etwas Gegenteiliges. Wollen viele Investoren nur Nachhaltigkeit-light?

Paul-Josef Patt: Das ist genau das Problem. Wonach suchen denn die Investoren? Auch solche, die sich grün geben, mit Impact- und Social-Investments? Sie suchen vornehmlich nach Firmen, die eigentlich gar kein Geld mehr brauchen, die bereits möglichst nennenswerte Umsätze erwirtschaften, relativ nah an der Gewinnschwelle stehen und dementsprechend eigentlich nur geringe Investments benötigen – für alles, was Software ist, ist deshalb viel Kapital am Markt. Da finden Sie ein Unicorn nach dem anderen. Da gibt es zweite Finanzierungsrunden, die schon sechs Monate nach der ersten stattfinden, und die Bewertungen der Firmen gehen in Hunderterschritten nach oben. Davon ist man aber im Technologie- und dem wirklichen Impact-Bereich noch weit entfernt. Da müssen sie erst einmal feststellen, ob die Technologie dauerhaft funktioniert, ob zum Beispiel die Wirkungsgrade hoch genug sind und ob sie Kunden finden, die das eines Tages zum Erfolg machen können. Das ist vielen Investoren leider noch zu kompliziert.

Tagesspiegel: Vielleicht gibt es auch einen Mangel an Unternehmergeist?

Paul-Josef Patt: Nein. Wir haben ein Equity-Finanzierungsproblem. Das ist inzwischen auch in der Politik erkannt worden. So wurde zum Beispiel kürzlich der Deutsche Zukunftsfonds aus der Taufe gehoben, der mit zehn Milliarden Euro bestückt ist und jetzt starten soll. Wir haben in Deutschland allerfeinste Technologie. Aber wir haben nicht gelernt, aus diesen einzigartigen Technologien auch Produkte zu entwickeln – und noch viel wichtiger – anschließend diese Produkte erfolgreich in die Weltmärkte zu bringen. Dazwischen klafft das, was wir Venture Capital-Investoren das „Tal des Todes“ nennen. Dieses Bild steht für die Finanzierungslücke von Technologie-Start-ups in Deutschland.

Tagesspiegel: Wir haben eine neue Bundesregierung, die das Klimathema entscheidend voranbringen möchte. Spüren Sie eine Aufbruchstimmung in der Politik?

Paul-Josef Patt: Dass mehr im Bereich Nachhaltigkeit passieren muss, wissen wir alle. Da muss auch mehr Kapital eingesetzt und angezogen werden als bisher. Auch das ist keine Frage. Es wird also besser. Aber es müsste viel schneller gehen. Es muss schnell mehr investiert werden. Es wird auch stark darauf ankommen, was vom Deutschen Zukunftsfonds bei der deutschen Venture-Capital-Industrie wirklich ankommt.
Tagesspiegel: Bis jetzt noch nicht viel, hören wir da heraus ...

Paul-Josef Patt: Es ist sicher nicht von Nachteil, dass der Fonds auch von Olaf Scholz als Finanzminister und seinem Staatssekretär Jörg Kukies unterstützt worden ist. Es ist nur schade, dass er erst jetzt kommt und im internationalen Vergleich immer noch zu klein ist – wenn man das ungeheure Potenzial in Deutschland sieht: Wir haben ein 50-Milliarden-Euro-Budget an den Hochschulen, wir haben die Max-Planck-, Fraunhofer-, Leibniz- und Helmholtz-Institute. Auch diese haben zusammen ein Budget von über zwölf Milliarden Euro – und zwar pro Jahr. Es gibt in Deutschland mehr Ingenieur-Studenten als in allen anderen Ländern Europas ​– in Deutschland studieren 35 Prozent aller Studenten Natur- und Ingenieurwissenschaften, Technologie und Mathematik. In den USA sind es gerade mal 18 Prozent. Es gibt auch tolle Start-ups, tolle Teams und zunehmend ein Ökosystem, das – etwa im Bereich Internet, eCommerce und Software – auch bereits etabliert ist. Aber im Bereich Technologie hinken wir hinterher.

Tagesspiegel: Liegt das auch an teils sehr kurzfristigen Renditeerwartungen? Nach dem Motto: Lieber Internet- als klassisches Industrie-Start-up?

Paul-Josef Patt: Das ist genau der Punkt. Wenn Sie ein Hardware-Start-up finanzieren, dann dauert das schon einmal ein paar Jahre länger und kostet zunächst womöglich viele Millionen Euro mehr. Das Kapital geht dahin, wo es den geringsten Widerstand vermutet und die schnellste Rendite zu erwarten ist. Das ist nicht der klassische Technologiebereich. Investoren wollen nicht alle die Welt retten, sie wollen vor allem möglichst viel Geld verdienen, wofür man ja auch Verständnis haben kann. Aber genau deshalb braucht es Unterstützung wie durch den Deutschen Zukunftsfonds.

„Es gibt in Deutschland mehr Ingenieur-Studenten als in allen anderen Ländern Europas.“

„Wir investieren ohnehin nur in wirklich nachhaltige Start-ups. Wir haben nie etwas anderes gemacht.“

Tagesspiegel: Sie erhalten sowohl von den Unternehmen als auch von der Kapitalseite viele Rückmeldung über den Zustand des Risikokapital-Marktes. Was sind denn gerade die heißesten Trends in Sachen Nachhaltigkeit?

Paul-Josef Patt: Das Faszinierende an Nachhaltigkeit ist, dass es jetzt ein Querschnittsthema darstellt. Es geht um Energie, Transport, Landwirtschaft sowie Software, etwa zur Messung und Reduktion des CO2- Ausstosses. Hinzu kommt ein Trend, den es vor fünf Jahren noch nicht gab: Es interessiert jetzt viele Konsumenten, ob beispielsweise eine Milchkarton-Verpackung recycelbar ist oder nicht. Die Bewegung kommt immer „Bottom-up“: Wenn Sie keine Kunden haben, die innovative Technik kaufen, funktioniert es nicht. Nehmen Sie unsere frühere Beteiligung an Sonnen: Ohne die „Early-Adopters“ wären wir nie so weit gekommen.

Tagesspiegel: Wenn Sie sich etwas wünschen dürften von der deutschen Finanzbranche: Was wäre das?

Paul-Josef Patt: Was Deutschland fehlt, sind ganz große institutionelle Investoren wie Pensionskassen, die den Rentenkapitalstock anlegen. Anders als zum Beispiel in den USA. Zudem wird den institutionellen Investoren vorgeschrieben, wie viel Eigenkapital sie hinterlegen müssen, wenn sie in Private Equity investieren. Auch das ist ein Hindernis. Wir wünschen uns eine größere Bereitschaft der großen Anleger, der Versicherungen, der Versorgungswerke und auch der Pensionskassen, stärker auch in deutsches Venture-Capital zu investieren. Dafür gibt es auch gute Gründe: Die Renditen sind in Europa längst höher als in den USA.

Tagesspiegel: Auf EU-Ebene wird die sogenannte Taxonomie nachhaltiger Wirtschaftstätigkeiten immer wichtiger. Hat das schon Einfluss auf Ihre Tätigkeit?

Paul-Josef Patt: In meiner täglichen Arbeit ist mir das bisher nicht begegnet – es kommt gerade erst an.

Tagesspiegel: Interessant!

Paul-Josef Patt: Wir investieren ohnehin nur in wirklich nachhaltige Start-ups. Wir haben nie etwas anderes gemacht.
HINWEIS:
Dr. Paul-Josef Patt ist Geschäftsführer von eCAPITAL, einem Wagniscapitalfinanzierer, der ab 2008 auch in die Open-Xchange AG investiert hat. Open-Xchange AG wurde 2005 von SPRIND-Direktor Rafael Laguna de la Vera mitgegründet; von 2008 bis zur Übernahme der Geschäftsführung der SPRIND Anfang 2020 war er CEO der Firma.

Die Veröffentlichung dieses Textes, der erstmals am 24.02.2022 im Tagesspiegel Background publiziert wurde, erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Tagesspiegel GmbH.