Der eigentliche Durchbruch ist konzeptionell, nicht technisch.

Interview Yu-Ting Kuo

Yu-Ting Kuo sitzt an einem Tisch und hält die rechte Hand nach vorne.

Yu-Ting Kuo ist Honorary Fellow des Hughes Hall, University of Cambridge, und Fakultätsmitglied an der MIT Sloan School of Management sowie am Department für Informatik der National Tsing Hua University. Er bewegt sich zwischen Wissenschaft und Industrie mit einem langjährigen Fokus auf Künstliche Intelligenz, Innovation und die verantwortungsvolle Entwicklung von Technologie. Seine aktuellen Interessen umfassen die Ethik, Governance und gesellschaftliche Auswirkungen von KI, einschließlich kognitiver Souveränität und Klimawandel, sowie Innovationsmanagement.

Kuo verbrachte 27 Jahre bei Microsoft, wo er Corporate Vice President war. In dieser Zeit trug er zum Aufbau und zur Skalierung der Unternehmens-Cloud-KI-Dienste und KI-Anwendungen für Verbraucher:innen bei und leitete zuletzt die agentische KI-Entwicklung bei Microsoft. Er gründete die KI-Forschungs- und Entwicklungszentren von Microsoft in Belgrad, Cambridge (Großbritannien), Taipeh und Zürich.

Warum muss es diese Initiative jetzt geben – gerade jetzt?

Künstliche Intelligenz ist nicht nur ein technologischer Wettlauf. Es ist ein ideologischer. Wie einst die Datensouveränität prägt sie, wie Gesellschaften und Individuen denken, wählen und handeln. Europa muss diese Souveränität von Grund auf selbst besitzen – nicht zurückmieten von dem Stack anderer.

Jenseits des Geldes: Was ist der eigentliche Handlungsspielraum, den Teams hier bekommen?

Wir suchen die Ausbrecher, die Unruhe stiften, wo andere Zustände akzeptieren – und den Mut haben, das zu bauen, was Big Tech und die etablierten Frontier-Labs zu langsam erkennen. Europas wirklicher Vorteil ist nicht eine Kopie des Silicon Valley; er liegt darin, dass Gründer:innen in Berlin, Paris, London und Tallinn Probleme völlig anders lösen. Ich glaube, dass diese Friktion das Gegenmittel gegen Monokultur ist. Umgeben Sie sich mit Menschen, die nach Fluchtgeschwindigkeit streben – und Sie bauen sie schneller.

Wie würde ein echter Durchbruch aussehen?

Wir brauchen keine weitere brachiale Rechenleistung. Ich glaube, die besten Lösungen sind elegant – so wie f=ma und E=mc² es sind. Wir sollten Systeme bauen, die Energie und Wasser schürfen, anstatt sie zu schlucken, und die sich wirklich an die Orte anpassen, an denen sie eingesetzt werden. Letztendlich brauchen wir interpretierbare Werkzeuge, die das menschliche Urteilsvermögen schärfen, anstatt es vollständig zu ersetzen. Der eigentliche Durchbruch ist konzeptionell, nicht technisch.

Welche Verantwortung kommt mit dem Bau von Foundation Models einher?

Foundation Models sind niemals neutral. Sie tragen immer die Weltsicht derjenigen, die sie gebaut haben. Das ist die eigentliche Verantwortung. Europa muss seine KI von Tag eins an für Würde und kulturelle Vielfalt gestalten – nicht nur für die höchsten Benchmarks optimieren. Entweder wir bauen unsere eigenen Werte in das Fundament dieser Technologie ein, oder wir akzeptieren eine Zukunft, in der uns die Werte anderer aufgezwungen werden.

Künstliche Intelligenz ist nicht nur ein technologischer Wettlauf. Es ist ein ideologischer.

Was ist die größte Herausforderung für Frontier AI in Europa gerade?

Der schwierigste Teil ist, sich vom Gravitationsfeld des Mainstreams zu befreien. Generative LLMs sind zu einer Art Schwarzem Loch geworden. Energie, Rechenleistung, Daten, Talente, Geld – alles biegt sich in Richtung desselben Paradigmas, und die innovativen Alternativen werden hineingezogen und zerdrückt, bevor sie jemals eine Chance haben zu wachsen. Europas Herausforderung ist es, Fluchtgeschwindigkeit zu erreichen: ausreichend Finanzierung, beharrliche Geduld und die Überzeugung, die Architekturen zu verfolgen, die die etablierten Player nicht anfassen.